Zusendung vom 25.04.2020, Erstveröffentlichung auf
https://clauskittsteiner.wordpress.com/2020/01/27/173/

Claus Kittsteiner, Historiker, im März 2020

Über die dumpfe Ablehnung des ‚Fremden‘ als Türöffner zu Friedlosigkeit und Kriegen

Bauchgeprägtes Denken macht blind. Auch bei der Sicht auf Kriege und deren Ursachen und Verursacher. Die Quittung haben wir täglich vor Augen. Flüchtende Menschen u.a. aus den Kriegs- und Krisengebieten im Nahen und Mittleren Osten suchen Sicherheit, in vergleichsweise niedriger Zahl bei uns, in weit höherer Zahl in ihren Nachbarländern. Die Flüchtlinge selbst, nicht die Gründe ihrer Flucht sind bei uns oft Quelle des Unbehagens und Hauptgesprächsstoff. Lediglich über Symptome zu sprechen befreit vom tieferen Nachdenken über eigene Angstquellen wie z.B. ungewohnte Hautfarben und Religionen. Das/der Fremde als Feind. Kaltherzigkeit als uneingestandener Antrieb. Sollen ‚Nächstenliebe‘ und die laut Grundgesetz unantastbare Würde des Menschen als Werte demnach nur innerhalb des eigenen abgezäunten Denk-Schrebergartens Gültigkeit haben?

Fremdenfeindliche Bewegungen finden zunehmend Zulauf in Europa. Die heutige „alternative“ Partei in Deutschland als Teil der Bewegung des sog. gesunden Volksempfindens baut hierauf auf. Sie kommt insbesondere an bei Menschen, die aus der Geschichte nicht lernen wollen und sich bewusst weigern, Kriege und Fluchtbewegungen im zwangsläufig gegebenen Zusammenhang wahrzunehmen. Ihr Denkreflex beginnt beim Aspekt „Flüchtlinge“, nicht bei den Ursachen ihrer Flucht. Die Aussage „Wer Kriege sät, erntet Flüchtlinge“ gehört nicht zu ihren Überlegungen. Kriegswaffenexporte und eigenes Verhaftetsein im allein miltärisch geprägten Sicherheitsdenken werden nicht hinterfragt. So kann der schlummernd-simple Geist mit dem ungleichen Menschenbild wieder aufblühen – heutzutage mit aktualisiertem Feindbild, „Flüchtlinge“ und „Islam“.

Der altbekannte gefährliche Nationalismus, verharmlost als ‚gesundes Nationalgefühl‘ und ‚Patriotismus‘, blüht wieder auf. Eine nicht neue politische Bewegung bietet ihm eine vorgestrige Heimat und macht im Kostüm einer bürgerlichen Partei wissend ihr großes Geschäft mit einfachen, unhinterfragten Denkmustern und Feindbildern. Die Ironie: Gäbe es keine Flüchtlinge mehr, wäre diese Ein-Punkt-Partei am Ende! Sie braucht ein Feindbild als tragende Parteisubstanz. Die 30er Jahre lassen grüßen! Die Abläufe und Folgen sind bekannt.

Übrigens: Die Unterstellung, Führer- und Wählerschaft einer sich als „völkisch“-fremdenfeindlich und nationalistisch selbst propagierenden rechten Partei und ihrer außerparlamentarischen Basis und Ableger bestehe weitgehend aus Menschen mit mangelnder Schulbildung, greift historisch nicht. Die Geschichte lehrt uns: Unter den völkischen Mitläufern als tragende Masse im NS-Staat und den Vollziehern des verbrecherischen „Lebensraumkrieges“ war der Anteil von schulisch Gebildeten und Akademikern unter den überzeugten Tätern bekanntlich groß, nicht nur in Hitlers SS-Truppen, wie aus den NS-Quellen jener Zeit bewiesen.

Was sagt uns das für heute? Äußere Bildung, rein formale Bildungsabschlüsse, Titel und Ämter sind selbst bei Parlamentsmitgliedern keine Garantie gegen zwischenmenschliche Abgestumpftheit, gegen Hassgefühle in Bauch und Hirn und Ausgrenzung von Mitmenschen auf Kosten der Menschenwürde. Die entsprechenden schlimmen Äußerungen bei öffentlichen Reden incl. Bundestagsreden unserer Zeit sind protokolliert und nachlesbar.

Als besserer Schutzschild gegen derartige menschliche Beschränktheit erweist sich menschliche Bildung! Menschliche innere Bildung und humanitäre Erziehung zu einer nicht nur von Toleranz, sondern von Respekt geprägten Weltoffenheit und Menschlichkeit. Ihr Fehlen hatte stets schlimme Folgen für den Frieden in der Welt.

Was hält uns heute davon ab, aus der Geschichte zu lernen? Ist es so schwer, von Mensch zu Mitmensch solidarisch zu sein im Fühlen, Denken und im eigenen Tun?

„Friede auf Erden und zwischen allen Menschen“ – eine Illusion? Willy Brandt gab uns vor 40 Jahren einen Denkanstoß mit auf unseren Weg:

„Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts!“

Jeder fange bei sich an mit dem friedlichen Denken und Handeln!

(c.k.info@gmx.de)

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